Freelancer sind keine Bewerber

Wenn die Heizung im Büro kaputt ist, dann suchen sie einen Heizungsmonteur. Vielleicht schauen sie bei Google oder in die gelben Seiten. Sie holen Angebote ein und entscheiden sich für das beste Angebot. Eines werden sie nicht tun: Sie werden den Heizungsmonteur nicht wie einen Bewerber behandeln, denn sie wollen ihn voraussichtlich nicht fest anstellen. Sie werden insbesondere das Angebot des Monteurs nicht auf diese Weise beantworten:

Sehr geehrter Herr Heizungsmonteur,

Ihre Bewerbung hat uns erreicht. Wir freuen uns, dass Sie bei der Suche nach einer Beschäftigung als Heizungsmonteur auf unser Unternehmen aufmerksam geworden sind und werden Ihre Unterlagen schnell mit unserem Anforderungsprofil abgleichen.

Danach werden wir uns wieder mit Ihnen in Verbindung setzen.

Ihre personenbezogenen Daten werden wir zum Zwecke der Durchführung des Bewerbungsverfahrens unter Beachtung der datenschutzrechtlichen Bestimmungen speichern.

Mit freundlichen Grüßen
Personalabteilung

Warum wär es falsch, den Dienstleister wie einen Bewerber zu behandeln? Zuerst: Er hat sich nicht um einen Arbeitsplatz beworben. Den hat er bereits, bei sich selbst. Der Anbieter sucht Kunden, der Kunde zahlt den Anbieter für die Leistung. Welcher Kunde die Leistung abnimmt, ist dem Anbieter relativ egal, solange seine Rechnungen bezahlt werden.

Es widerspricht auch dem Selbstverständnis eines eigenständigen Unternehmers, wie ein Bewerber behandelt zu werden. Jede Abteilung (Einkauf, Fachabteilung, Rechtswesen) hätte mit Fug und Recht auf das Angebot antworten können, nur die Personalabteilung ist die einzige, die nicht gefragt war: Freelancer sind kein Personal.

Und schließlich wäre es aussichtslos, den Kontakt zu einem Freelancer wie eine Bewerbung zu behandeln, denn wenn der Freelancer etwas auf seine Selbständigkeit gibt, dann fehlen dem Kontakt alle Elemente einer klassischen Bewerbung: Das Anschreiben wird bewerbungsuntypisch formuliert sein, es gibt weder Zeugnisse noch Lebenslauf, dafür aber evtl. direkt ein kaufmännisches Angebot. Wie soll damit ein Bewerbungsprozess funktionieren?

Die hier zitierte Antwort erhielt ich wortgleich von einer Firma, die Bedarf an Freelancern für Ruby-Programmierung signalisiert hatte. Ich hatte mich daraufhin bei der Firma vorgestellt, um für meine Leistung zu werben, das obige war das Ergebnis.

Natürlich hat der Mitarbeiter der Firma keinen Fehler machen wollen, die Antwort ist zwar unpersönlich, aber nicht unhöflich.1 Meine Irritation bezieht sich auf etwas anderes: Wer Freelancer mit Personal verwechselt, läuft Gefahr, an nicht zusammenpassenden Zielvorstellungen zu scheitern. Denn Erwartungen wie diese wird ein Freelancer nicht erfüllen können:

  • Begeisterung oder gar Loyalität für den Arbeitgeber
  • Engagement für die Kunden des Arbeitgebers
  • Langfristige Beziehung als zwingende Basis der Zusammenarbeit

Was den Freelancer auszeichnet, sind hingegen diese Eigenschaften:

  • kurzfristige Verfügbarkeit, keine Kündigungsfristen
  • wird an pünktlichem Ergebnis gemessen, kein "Geld für Anwesenheit"
  • Unterstützung bei Themen, die nur vorübergehend benötigt werden, kein Aufbau eigenen Personals nötig
  • Gewohnt, eigenständig zu arbeiten
  • Haftet unternehmerisch und finanziell für Ergebnisse
  • Einsatz unterliegt nicht oder nur kaum arbeits-, sozialversicherungs- und steuerrechtlichen Regelungen

Ich hatte dazu unter Wann passt der Freelancer? bereits geschrieben. Wenn Unternehmen nicht auf die Trennung zwischen Personal und externen Dienstleistern achten, entsteht eine rechtliche Grauzone, in der schnell die Grenze zur Scheinselbständigkeit überschritten ist. Erhebliche finanzielle Risiken für Auftraggeber und Freelancer können die Folge sein. Die Hysterie, mit der zB die SAP aktuell ihre Freelancer vor die Tür setzt, ist ein Symptom davon: Hier wurde zu lange nicht genau hingesehen, jetzt kippt das Verhältnis ins andere Extrem.


  1. Gerade einem kleineren Unternehmen, das aktiv um die besten Bewerber wirbt, würde meiner Meinung nach ein wenig mehr Empathie im Dialog mit Bewerbern gut zu Gesicht stehen, AGG hin oder her. Höflichkeit mag gut sein, Unpersönlichkeit eher nicht. Aber das ist ein anderes Thema.