Investieren Sie in Open Source?

Geht man davon aus, dass kaum ein Unternehmen heute ohne IT funktoniert, so kommt heute kaum ein Unternehmen ohne Open-Source Software aus. Überall stehen vielerlei Geräte mit dem Linux-Betriebsystem, vom DSL-Router bis zum Server. Programmierteams verwenden zahllose Opensource-Erzeugnisse, um ihre Leistung zu erbringen. Das und viel mehr steht im Widerspruch zur gängigen Auffassung, OSS sei kommerzieller Software in Sachen Qualität und Einsetzbarkeit systematisch unterlegen. OSS trägt den Nimbus von billig – und nur teuer steht für Qualität, oder?

Entsprechend schwer tun sich die Unternehmen in meiner Umgebung damit, selber geistiges Eigentum als OSS zur Verfügung zu stellen. Wieso eigentlich? Die US-Firma Black Duck hat im Jahr 2009 200.000 OSS-Projekte untersucht und errechnet, dass diese einen Gesamtwert von $387 Milliarden Dollar (knapp 300 Milliarden EUR) darstellen. Mehr als 2,1 Millionen Entwicklerjahre würden notwendig sein, den gleichen Umfang erneut zu erzeugen. Die Computerwoche berichtet, dass Teilen Mehrwert schafft.

OSS bedeutet Teilen

Wissen ist das einzige Gut, das sich vermehrt, wenn man es teilt. Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach, 1830 - 1916

Die OSS-Anstrengungen in Java und Solaris durch die Firma SUN waren Oracle zur Übernahme von SUN in 2009 mehr als 7 Milliarden USD wert. Es gibt viele solcher Beispiele, scheinbar kann man den Unternehmenswert sehr wohl erhöhen, auch wenn man das Wissen teilt. Dennoch fürchten sich viele Unternehmen davor, ihr wertvolles Wissen einfach so zu verteilen. Was spricht dagegen diese Haltung?

  • Wissen veraltet. Was heute aktuell ist, ist morgen nur noch eine Anekdote, das gilt gerade für Produktkenntnisse im IT-Sektor. Kenntnisse von Methoden sind länger anwendbar als Kenntnisse von Produkten. Wer sein Wissen nicht aktuell hält, verliert es.
  • Herstellerspezifische Verfahren verschärfen den Fachkräftemangel. Wer nur nach eigenen Methoden arbeitet und sein Wissen nicht teilt, muss einkalkulieren, neue Mitarbeiter erst teuer einarbeiten zu müssen. Sie werden niemals erfahrene Leute einstellen können, denn niemand kann vorher wissen, wie bei Ihnen gearbeitet wird.
  • Vorsicht vor dem truck factor. Welche Folgen hat es für das Unternehmen, wenn Wissen zentralisiert wird und dann zentrale Mitarbeiter das Unternehmen verlassen? Können Sie sich das leisten?

OSS beinhaltet Verantwortung

Ich habe Unternehmen kennengelernt, die OSS an entscheidender Stelle als Basis ihres Produktportfolios einsetzen. Gleichzeitig gibt es dort keine eigenen Anstrengungen, die dringend benötigten OSS-Projekte zu unterstützen. Aber wäre es nicht genau das, was im primären Sinn des nutzenden Unternehmens ist? Würde nicht genau das die Zukunft des eigenen Produktes sichern helfen?

Was, wenn wir in die Ausbildung unserer Mitarbeiter investieren und diese dann das Unternehmen verlassen? Finanzabteilung Was, wenn wir es nicht tun und diese Mitarbeiter dann bei uns bleiben? Personalabteilung

Durch die Branche geistert die Faustformel von den 10 Zeilen Quelltext pro Entwicklertag. Wer also im Projekt zB ein konkretes Problem durch Einsatz einer passenden OSS-Bibliothek löst, bekommt dadurch auf den ersten Blick erhebliche Entwicklerressourcen geschenkt. Das ist aber nur eine Seite der Medaille:

Da OSS häufig nicht zentral organisiert ist, liegt die Verantwortung für Einsatz und Zukunft allein beim anwendenden Unternehmen. Es ist häufig nicht möglich, die Verantwortung für Funktion und Nutzbarkeit von OSS per Vertrag an Dritte zu delegieren, wie das im proprietären Sektor üblich ist. Das Unternehmen muss seiner Verantwortung selbst gerecht werden, ansonsten droht die Schuldenfalle im Projekt. Wer hier faul ist, wird mit OSS scheitern. Wer aber investiert, wird nicht nur der Verantwortung gerecht, sondern hat große Vorteile:

Investition mit hoher Rendite

Mein Rat lautet: Investieren Sie in Open-Source Software. Dies kann auf vielfältige Weise geschehen:

  • Ermutigen Sie ihre Mitarbeiter zur Teilnahme auf Portalen wie stackoverflow.com, github.com und anderen.
  • Führen Sie eigene Verbesserungen von OSS-Projekten an diese zurück. Stellen Sie ihre Veränderungen zur Diskussion und erhalten Sie kostenloses code review.
  • Lassen Sie Mitarbeiter ganz oder teilweise an für Sie wichtigen OSS-Projekten arbeiten. Dies ist natürlich nur in größeren Teams machbar, sichert aber aktiv die Zukunft der Projekte, auf die Sie angewiesen sind.
  • Gliedern Sie eigene Entwicklung als OSS-Projekt aus, wenn diese allgemein verwendbar sein können. Sie erhalten dadurch wertvolles Feedback und im besten Fall Verbesserungen ihrer Komponenten.
  • Unterstützen Sie regionale Entwicklergruppen, Usergroups und Konferenzen, um Kontakt zu potentiellen Mitarbeitern aufzubauen.
  • Vermeiden Sie proprietäre Bestandteile in ihren Projekten und Produkten und vereinfachen Sie damit zugleich ihre Produktentwicklung und Ihr Recruiting.

Wie sind Ihre Erfahrungen bei Einsatz und Nutzung von OSS? Ich freue mich über Kommentare.