Spezialisierte Ahnungslose

Die Informationstechnologie ist ein weites Feld und man kann nicht alles wissen. Ein paar essentielle Grundlagen sollten aber vorhanden sein: Selbst wer sein Geld nicht als professioneller Programmierer verdient sondern zB im Beratungsgeschäft rings um sauteure ERP-Systeme etablierter Hersteller, der täte IMO gut daran, wenigstens die Grundzüge der Programmierung zu kennen.

Aber Fehlanzeige. Wie funktioniert DNS? Was macht ein Zertifikat und wofür verwende ich S/MIME? Wieso kann ich per telnet eine Email senden? Warum ist ein Bild als BMP zumeist größer als ein JPEG? Was ist der Unterschied zwischen interpretierter und compilierter Programmiersprache? Was macht ein Switch anders als ein Router, und warum ist stateful inspection bei Firewalls aufwändiger? Wofür bezahle ich Redhat, wenn Linux doch umsonst ist? Wo liegt bei VoIP, UDP und IPv4 der Hase im Pfeffer? Was unterscheidet NTP, RDP, RPC, RFC und MVC?

Es ist erstaunlich, wie viel gefährliches Halbwissen jeden Tag beim Kunden sitzt und dafür Tagessätze kassiert. Fragt man die Menschen leise und unauffällig danach, warum sie dieses oder jenes nicht wissen, wenngleich wissen sollten, dann zeigt die Antwort zumeist Desinteresse. Gerne wird das Argument "keine Zeit" vorgeschoben, auch in Kombination mit einer möglicherweise nicht erfolgten Fortbildung, die der Arbeitgeber nie habe finanzieren wollen. Es sind stets andere schuld.

Ich werde nicht den Kollegen in einem Betrieb vergessen, in dem ich mal arbeitete: Der junge Mann war frisch examiniert und erfolgreich aus dem Informatik-Studium entlassen worden. Er hatte niemals auch nur eine einzige Zeile programmiert. Ähnlich wie diesem vollkommen ahnungslosen Menschen geht es vielen umgeschulten IT-Beratern, denen in für gewöhnlich teuren Kursen beigebracht wird, wann sie in der Software xyz wohin zu klicken haben. Am Ende sind es zertifizierte Ahnungslose, die sofort handlungsunfähig sind, sobald die Realität vom Sollzustand abweicht.

Spieltrieb to the rescue

Ein Freund erklärte mir die vier Stufen des Lernens einmal so:

Erst lernst du auswendig. Dann verfeinerst du deine Ausführung. Dann lernst du situatives Anwenden deiner Fähigkeiten und schließlich kannst du gelerntes selbst zu neuem Wissen kombinieren. Das ist dann die höchste Stufe des Wissens.

Bezogen auf die IT bedeutet das, dass die höchste Stufe des Wissens nur erreicht, wer seine Kenntnisse zunächst durch praktisch Anwendung verfeinert, dann kombiniert und erweitert. An der Uni haben wir uns zB im Kollegenkreis die Windows-Rechner gehackt, um mehr über Netzwerke, Sicherheit und Betriebssysteme zu erfahren.

War das sinnvolle Arbeit? Sicher nicht. War das wertvolle Erkenntnis? Darauf kann man Gift nehmen.

Es ist diese Art spielerischen Umganges mit der Arbeit, die uns besser werden lässt. Wer stets nur genau das leistet, was der Job gerade fordert, der wird niemals exzellente Arbeit liefern. Einige Arbeitgeber haben das verstanden und ermutigen ihre Mitarbeiter dazu, außerhalb der Bahnen der Arbeitswelt zu denken, indem sie dafür sogar extra Zeit geben.

Anwendung im Recruiting

Aber man kann den Hund nicht zum jagen tragen. Wer die Motivation nicht selbst mitbringt, dem wird auch die teuerste Fortbildung wenig nützen.

Aktuell bringt mich meine ausgeschriebene Stelle Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung gesucht dazu, über Motivation und Generalisten nachzudenken. Zeugnisse und Fortbildungen haben nur begrenzte Aussagekraft für mich, entscheidend ist viel mehr die erkennbare Motivation. Wer im Job bislang nie über Verfeinerung nachdachte und nie spielerisches Interesse an Themen gezeigt hat, der wird höchst wahrscheinlich nicht die Leistung bringen, die ich mir wünsche.